Tsagaan Sar 2016 – Das mongolische Frühlingsfest - Das Jahr des Feuer-Affen

Tsagaan Sar, zu deutsch „der weiße Mond“. So heißt das Neujahrsfest der Mongolei. Dieses wird jährlich groß zelebriert, ob mit der gesamten Nachbarschaft in der Heimat oder im Kreis der Familie und Freunden in Deutschland. Das Fest hat eine lange Tradition: im Jahr 1207 wurde dieses von Chingis Khan manifestiert, ursprünglich, um das Vieh zu ehren.
Am ersten Abend, Bituun wird das vergangene Jahr verabschiedet, und das mit einem Festmahl. Ganz nach dem Namen des Abends (dieser bedeutet so viel wie „voll“) wird sich der Wanst vollgeschlagen, mit dem traditionellen Gericht Buuz, Salaten, Fleisch, dem eigens hergerichteten Idee, einem Gebäckturm bestückt mit allerlei Süßigkeiten, und dem Reis mit Rosinen, dem Tsagaalga. An diesem Abend soll keiner leer ausgehen. Traditionell wird der Tee mit Milch und Salz, Suutei tsai, dazu getrunken. Letztendlich wird einfach ein schöner Abend miteinander verbracht.
 
Der nächste Tag ist der erste Tag des neuen Jahres, Shiniin Negen. Das neue Jahr wird begrüßt mit einem bestimmten Weg, den jeder einzelne zu Sonnenaufgang gehen muss, ein Ritual sozusagen, dass sich den Elementen Feuer, Wasser, Holz, Wind und Metall, sowie den vier Himmelsrichtungen widmet. Dieser beschrittene Weg bestimmt quasi den eigenen Weg des kommenden Jahres. Manchmal muss man da improvisieren, wenn man im Ausland lebt und die hiesige Gesellschaft dies nicht kennt und für merkwürdig empfindet. Zu diesen frühen Morgenstunden ist zum Glück noch keiner der Nachbarn auf den Beinen. Nicht jeder hat einen Fluss vor dem Haus, so musste ich dieses Jahr eine kleine Schüssel mit Wasser mit nach draußen nehmen, und dies auf der Wiese ausschütten, um drüberzusteigen. Zudem folgt am ersten Morgen des neuen Jahres eine ganz besondere Zeremonie: der Zolgolt. Die Ältesten im Haus werden auf eine bestimmte Weise geehrt. Sie setzen sich mit einer Kopfbedeckung, die Jüngeren treten heran und greifen mit den Armen von unten die Arme des anderen, es werden sich zwei Küsse gegeben und „Amar baina uu“ gesagt, zu deutsch etwa: „Sind Sie wohlauf?“ Der Ältere antwortet darauf: „Mendee, amar baina uu“. So geht das reihum. So werden die Hierarchien durch eine liebevolle Art verdeutlicht und Respekt gezollt.
Der Verein der Mongolischen Akademiker (VMA) e. V. veranstaltete dieses Jahr erneut das Neujahrsfest in Stuttgart im Alten Feuerwehrhaus Süd, um das Fest des Tsagaan Sar Außenstehenden näher zu bringen. Da Neujahr bei uns bereits am 9. Februar gefeiert wurde, wurde das Fest offiziell als „Das mongolische Frühlingsfest 2016 - Das Jahr des Feuer-Affen“
betitelt. Alle Interessierten waren herzlich eingeladen, in einer traditionell mongolischen Tracht, einem Deel zu erscheinen, was das Bild der Besucher und aller Teilnehmer fröhlich bunt gestaltete.
 
Es waren wirklich zahlreiche Leute erschienen, und erfreulicherweise auch viele Deutsche. Es ist immer schön zu sehen, dass es im aktuellen Kontext der Intoleranz und Xenophobie noch Menschen gibt, die sich für fremde Kulturen und ihre Traditionen interessieren. Auch diese kamen natürlich in mongolischer Tracht.
Die Tische waren länglich angeordnet, sodass alle beieinander saßen und keine kleinen Gruppentische gebildet werden konnten. Auf jedem Tisch wurde Besteck, Kerzen, Fleisch und Reis gestellt, vor der Bühne war außerdem ganz traditionell ein Idee, der Gebäckturm, angerichtet. Im Eingangsbereich vor dem Saal konnte man Getränke, Süßigkeiten sowie traditionelle Gerichte wie Buuz und Tsuivan kaufen. Die Bühne war besonders ansprechend und hübsch gestaltet, es war nahezu niedlich, wie thematisch kohärent alles hergerichtet war: an den Seiten hingen lange Banner, links eines mit einem Schaf, dem Tier des vergangenen Jahres, samt Schriftzug in altmongolischer Schrift, und rechts dementsprechend eines mit einem Affen, dem Tier des neuen Jahres. Oben hing eine Bastelei, auf der eine silberne Schale, ein Mungun ayaga zu sehen war, aus dem traditionell der Suutei tsai getrunken wird. Auf der Bühne im Hintergrund war eine halbe Jurte, ein Ger dekoriert, sodass man sich im Inneren einer Jurte befand. Wirklich sehr liebevoll gestaltet und schön anzusehen.
Die Ansprachen und Reden, die von den beiden Moderatoren und den Ehrengästen gehalten wurden, wurden auch prompt ins Deutsche übersetzt. Es wurden viele Menschen geehrt und ausgepreist, wie die Vereinsmitglieder und der Sieger des Knöchelschnipser-Turniers, dem Shagain Toirom, welches parallel auf der Etage über dem Fest verlief und schon am Morgen begann. Musikalisch wurde der Abend mit den zwei Folklore-Bands „Khukh Mongol“ und „Egshiglen“, welche sogar ich bereits unzählige Male irgendwo auftreten sehen habe, und dem Sänger L. Baatar begleitet. Diese Musik-Acts stellten für mich einen Kontrast dar: während Khukh Mongol und Egshiglen auf traditionell mongolischen Instrumenten, wie der Pferde- Geige, Morin khuur, spielten und Kehlkopf-Gesang, dem Khöömii präsentierten, zeigte L. Baatar die moderne Seite mongolischer Popmusik. Wo ich besonders gern hingeschaut habe, waren die Tanzauftritte, repräsentiert von der ausgebildeten Tänzerin G. Shinetsetseg. Dieser mongolische Nationaltanz-Stil begeistert mich irgendwie, ich wünschte, ich könnte es auch. Leider kamen diese etwas zu kurz, ich hätte gern mehr gesehen.
Für mich hatte der Abend drei Highlights, die, wie ich empfand, auch die Aufmerksamkeit des Publikums besonders für sich gewinnen konnte. Unser Volk ist nämlich manchmal nicht so
rücksichtsvoll und mucksmäuschenstill einer nicht wirklich spannenden Ansprache auf der Bühne lauschen, sondern laufen und quatschen herum und lassen ihre Kinder getrost Fangen spielen in den gesamten Räumlichkeiten, sogar auf der Bühne.
Früh am Abend kamen viele putzige kleine Kinder der Solongo „Regenbogen“-Schule auf die Bühne, stellten sich brav hin, mit einer Hand an die Brust, und trällerten die Nationalhymne vor. Alle im Saal standen auf und sangen mit. Das war schon ein bewegender Moment: dieses Gemeinschaftsgefühl, dieses Miteinander und diese Zugehörigkeit, die von den Worten der Hymne durch den Raum getragen wurden. Kitschig ich weiß, aber irgendwie bewegt auch mich das, als voll in die deutsche Gesellschaft integrierte, gebürtige Mongolin.
 
Dann folgte auch schon die traditionelle Begrüßungszeremonie zum neuen Jahr: der Zolgolt. Dies wurde wirklich sehr schön präsentiert: vier ältere Damen setzten sich vor die Bühne, die Vereinsmitglieder stellten sich am Rande in einer Reihe auf, bewaffnet mit einem Khadag. Der Moderator auf der Bühne erläuterte kurz die Bedeutung dieser Zeremonie und sogleich auch den Ablauf. Die Vereinsmitglieder führten dies vor. Dann waren alle Besucher dazu eingeladen, es ihnen gleichzutun, und sich „jeweils zwei Küsse von den netten Damen abzuholen“. Und es sind erfreulicherweise auch wirklich viele vorgetreten.
 
Am bereits vorangeschrittenen Abend fand die angekündigte Modenschau statt. Hier wurde der Dresscode für die Veranstaltung in einen auflockernden, unterhaltsamen Wettbewerb umfunktioniert: es sollten der Yunden und die Nansalmaa gekrönt werden, also der Mann und die Frau mit der schönsten Tracht an dem Abend. Kinder sind dann auch auf die Bühne gehopst, weil sie eben Kinder und damit neugierig sind. Und hey, sogar ich stand auf der Bühne. Gewonnen habe ich nicht, aber es war eine interessante und wirklich lustige Erfahrung für mich. Geschickt hab ich mich sicherlich nicht angestellt, aber es war aus Spaß an der Freude und für die gute Sache. Und ich bin auf dem öffentlichen Facebook-Foto zu sehen.

Was bedeutet es also, mongolisch zu sein? Es bedeutet, sich seiner Kultur und Traditionen treu zu bleiben, Respekt gegenüber der Familie und Älteren, Weiseren zu zeigen und alles mitzunehmen, was man bekommt, es aufzubewahren und weiterzugeben. Es bedeutet, Dankbarkeit zu zeigen, und jedem geben, was er verdient und zu bekommen, was man selbst verdient. Es bedeutet, auf das Karma-Konto Acht zu geben, seine Familie über alles zu stellen und nicht eigennützig zu denken. Und es bedeutet eben auch, Nationalfeste, wie das Neujahrsfest, mitzumachen, zu zelebrieren und die Bedeutung, die dahinter steckt, zu erfahren.
So danke auch ich dem Verein der Mongolischen Akademiker, dass sie dieses Fest veranstalten, um auch jüngeren, nicht in der Mongolei aufgewachsenen Generationen, zu denen ich ebenfalls zähle, Tradition und Kultur näher zu bringen.
 
Munkhjin Enkhsaikhan
 
 

 

 

 

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